Die Luftschlacht um England 1940
Zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte hing die Entscheidung über Sieg oder Niederlage an dem Ausgang einer Luftschlacht. Die große Kampagne wurde fast ausschließlich von Luftstreitkräften geführt. Und sie ging anders aus, als die deutsche Führung es erwartet hatte.
I. Die Ausgangslage
Der Plan: Unternehmen „Seelöwe“
Am 22. Juni 1940 kapitulierte Frankreich. Hitler hoffte auf eine Verständigung mit England, doch Churchill, seit dem 10. Mai Premierminister, wollte weiterkämpfen. Am 16. Juli befahl Hitler die Vorbereitung des Unternehmens „Seelöwe“, der Invasion Englands. Göring versprach, die RAF werde rechtzeitig zerstört sein, damit die Landung um den 15. September beginnen könne.
Die Kriegsmarine war der Royal Navy zahlenmäßig nicht gewachsen. Die Invasionsflotte musste deshalb aus der Luft geschützt werden. Die Luftherrschaft über dem Kanal und Südengland war also unabdingbar.
Die Luftwaffe: gut, aber für diese Aufgabe nicht gebaut
Die Luftwaffe war als taktische Waffe zur Unterstützung der Bodentruppen aufgebaut worden. Das hatte sie in Polen und im Westfeldzug eindrucksvoll bewiesen. Für einen strategischen Luftkrieg gegen ein Inselreich war sie nicht geeignet:
- Die Bf 109, der einzige deutsche Jäger, der es mit Spitfire und Hurricane aufnehmen konnte, hatte so wenig Reichweite, dass sie nur etwa 20 Minuten über Südengland bleiben konnte. Für wirksamen Geleitschutz war das zu wenig.
- Die zweimotorige Bf 110 war zu schwerfällig.
- Die Bomber waren zu leicht bewaffnet und trugen zu wenig Bomben.
Eingesetzt waren vor allem die Luftflotte 2 unter Kesselring und die Luftflotte 3 unter Sperrle, dazu die Luftflotte 5 in Norwegen unter Stumpff. Luftflotte 2 und 3 verfügten am Adlertag über rund 875 mittlere Bomber, 316 Sturzkampfbomber, 702 einmotorige und 227 zweimotorige Jäger.
Die Royal Air Force: das Dowding-System
Am 1. August standen dem Fighter Command 570 Hurricanes und Spitfires zur Verfügung, zwei Drittel davon Hurricanes, und davon waren nur 367 einsatzbereit. Zahlenmäßig war das nicht überwältigend. Entscheidend war die Organisation.
Air Chief Marshal Sir Hugh Dowding, seit 1936 Oberbefehlshaber des Fighter Command, hatte Technik, Bodenabwehr und Jäger zu einem einheitlichen System verbunden. Es hieß später nach ihm „Dowding-System“:
- Eine Kette von Radarstationen an der Süd- und Ostküste, die „Chain Home“, meldete deutsche Verbände schon beim Anflug. Ihre Sendemasten waren rund 110 Meter (360 Fuß) hoch. Tief fliegende Flugzeuge konnte das Radar nur schlecht erfassen, deshalb baute man zusätzlich „Chain Home Low“-Stationen.
- Der Beobachterkorps (Observer Corps) lieferte Meldungen vom Boden.
- Alle Meldungen liefen im Filter Room in Bentley Priory, der Zentrale des Fighter Command, zusammen und gingen von dort an die Gruppen und Sektorstationen. Die Jäger konnten damit gezielt an die anfliegenden Verbände geführt werden.
- Das Land war in Jagdgruppen aufgeteilt. Die Gruppe 11 deckte den Südosten mit London, die Gruppe 10 den Südwesten und Wales, die Gruppe 12 unter Trafford Leigh-Mallory die Midlands und East Anglia.
Das System sparte Kräfte. Die Briten mussten ihre knappen Jäger nicht ständig in der Luft halten, sondern konnten sie dort einsetzen, wo es nötig war. Dazu kam die Entschlüsselung deutscher Funksprüche in Bletchley Park (ULTRA), die seit Januar 1940 vieles mitlesbar machte.
Wann war die Schlacht?
Die Briten rechnen die Schlacht vom 10. Juli bis zum 31. Oktober 1940. Deutsche Historiker setzen den Beginn meist Mitte August 1940 an und das Ende im Mai 1941, als die Bomberverbände für das Unternehmen Barbarossa abgezogen wurden. Auch der 17. September 1940, der Tag, an dem Hitler „Seelöwe“ vertagte, wird als Ende genannt.
II. Der Verlauf
Phase 1: Der Kanalkampf (10. Juli bis Anfang August)
Am 10. Juli begannen die ersten Angriffe auf Geleitzüge im Kanal und auf Häfen der Royal Navy. Die Luftwaffe wollte die RAF in große Gefechte ziehen und das Fighter Command abnutzen. Am 12. August griff sie erstmals die Radarstationen an. Der Schaden blieb gering. Göring stellte die Angriffe auf die Radarstationen ein, weil es den Briten durch Notsender gelang, zerstörte Stationen als aktiv vorzutäuschen.
Phase 2: Der Adlerangriff (13. bis 24. August)
Der „Adlerangriff“ war ursprünglich für den 10. August geplant, wegen schlechten Wetters wurde er um drei Tage verschoben. Am 13. August, dem „Adlertag“, flog die Luftwaffe Angriffe auf Flugplätze und Rüstungsbetriebe. Schlechte Aufklärung und mangelhafte Abstimmung ließen den Erfolg gering ausfallen. Die Luftwaffe meldete weit mehr Abschüsse, als es tatsächlich waren, und glaubte zahlreiche Flugplätze zerstört zu haben.
In den Tagen um den 13. August überschätzte das Reichsluftfahrtministerium sein Verhältnis zum Gegner erheblich. Es meldete ein Verlustverhältnis von 1:3 zu seinen Gunsten, tatsächlich lag es bei den Jägern eher bei 1:2 und war mit den Verlusten der Bf 110 noch schlechter. Die Folge: Die Führung glaubte, das Fighter Command stehe kurz vor dem Zusammenbruch.
Am 20. August sagte Churchill im Unterhaus den Satz, der die Piloten bekannt machte: „Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few.“ Seitdem heißen die rund 3.000 Piloten des Fighter Command „The Few“.
Phase 3: Angriffe auf das Fighter Command (24. August bis 6. September)
Nun konzentrierte die Luftwaffe ihre Angriffe auf Flugplätze und Einrichtungen des Fighter Command. Sie war dem Ziel der Luftüberlegenheit über Südengland sehr nahe. Die Verluste des Fighter Command an Flugzeugen und Piloten waren schwer. Dennoch lagen die Verluste der RAF an Jägern bald unter dem, was an Ersatz geliefert wurde.
Phase 4: Der Wechsel auf London
Angriffe auf London waren von Hitler verboten. In der Nacht vom 24. zum 25. August verflog sich ein deutscher Bomber, der Öltanks in Thameshaven treffen sollte, und warf Bomben auf London. Churchill ordnete einen Vergeltungsangriff auf Berlin an. In der Nacht zum 26. August griffen 81 Bomber die Reichshauptstadt an, weitere Angriffe folgten. Nach einer Rede im Sportpalast, in der Hitler mit Vergeltung drohte, befahl er am 4. September den Angriff auf London.
Das nahm in einer kritischen Phase den Druck vom Fighter Command. Die Flugplätze konnten sich erholen. Zudem lag London an der Grenze der Reichweite des deutschen Geleitschutzes.
Am 7. September, dem „Black Saturday“, begann um etwa 16 Uhr der erste große Tagesangriff auf London. Er forderte nach britischen Angaben 430 Tote und 1.600 Verletzte. London wurde danach 57 Nächte hintereinander angegriffen. Nur die Nächte des 3. und 28. November blieben ohne Alarm und Bomben.
III. Der 15. September 1940
Am 15. September warf die Luftwaffe ihre stärkste und geschlossenste Angriffswelle gegen London, um die RAF in eine Vernichtungsschlacht zu zwingen. Es herrschte gutes Wetter. Rund 1.500 Flugzeuge beider Seiten nahmen an den Luftkämpfen des Tages teil. Die deutschen Verbände wurden in zwei großen Wellen abgefangen. Eine geschlossene Wolkendecke trug dazu bei, dass die Formationen sich zerstreuten und London keine schweren Schäden erlitt.
Die Luftwaffe verlor an diesem Tag 56 Maschinen, die RAF knapp 30. Die Zahlen der eingesetzten deutschen Maschinen schwanken je nach Quelle zwischen etwa 1.100 und 1.700. Die Briten selbst hatten am Tag mehr Abschüsse gemeldet, als es wirklich waren. Wichtiger als die Zahlen war die Wirkung: Die Führung der Wehrmacht erkannte, dass die Luftwaffe die Lufthoheit nicht erkämpfen konnte. Am 17. September vertagte Hitler das Unternehmen „Seelöwe“ auf unbestimmte Zeit. Der Tag wird heute von den Briten als „Battle of Britain Day“ gefeiert.
IV. Der Blitz
Von September 1940 bis Mai 1941 setzte die Luftwaffe die Angriffe bei Nacht fort. Ziel war das britische Industriepotential und die Moral der Bevölkerung. Im November 1940 wurden auch andere Städte angegriffen.
Coventry
Der schwerste Angriff dieser Monate traf in der Nacht vom 14. zum 15. November 1940 die Stadt Coventry. Das Unternehmen trug den Decknamen „Mondscheinsonate“, denn für den Erfolg war eine helle Mondnacht nötig. Mehr als 500 Bomber warfen rund 500 Tonnen Sprengbomben und etwa 30.000 Brandbomben ab. Die Altstadt und die mittelalterliche Kathedrale wurden zerstört. Nach Angaben des Imperial War Museum starben 568 Menschen, 850 wurden schwer verletzt. Eine andere Quelle hält bis zu 1.000 Tote für möglich, da viele zugereiste Arbeiter nicht erfasst wurden. Die Nationalsozialisten erfanden das Wort „coventrieren“ für völlige Zerstörung.
Über Coventry kursiert eine bekannte Geschichte: Churchill habe vorab aus entschlüsselten Funksprüchen von dem Angriff gewusst und die Stadt nicht warnen lassen, um das Geheimnis von ULTRA zu wahren. Die heutige Geschichtsforschung bezweifelt, dass die Briten so genau Bescheid wussten. Als Gedankenspiel taugt sie trotzdem: Wie hätte man selbst entschieden?
Bilanz des Blitz
Im Blitz starben etwa 43.000 Zivilisten, fast die Hälfte aller zivilen Kriegstoten Großbritanniens. Jeder sechste Londoner verlor sein Zuhause.
V. Die Menschen: „The Few“
Rund 3.000 Jagdflieger nahmen an der Schlacht teil. Neben Briten und Männern aus dem Commonwealth kämpften polnische, tschechische und andere Exilpiloten. Als die Piloten knapp wurden, nahm man die Polen in die RAF-Staffeln auf, und es entstanden zwei polnische Jagdstaffeln, Nr. 302 und 303. Die 303. Staffel wurde erst am 2. August 1940 aufgestellt und schoss nach den Angaben einer Quelle in nur 42 Tagen 126 deutsche Flugzeuge ab. Sie gilt als die erfolgreichste Staffel des Fighter Command in dieser Schlacht. 29 polnische Piloten fielen.
Der Streit um die Taktik
Dowding geriet in Konflikt mit den Befürwortern des „Big Wing“, vor allem mit Trafford Leigh-Mallory und Douglas Bader. Sie wollten große Verbände von Jägern sammeln und gemeinsam einsetzen. Zusammen mit den Mängeln der britischen Nachtjagd im Blitz führte das zu Dowdings Sturz: Im November 1940 wurde er gegen seinen Willen abgelöst, sein Nachfolger Sholto Douglas war ebenfalls Befürworter des Big Wing.
VI. Verluste und Bilanz
Die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle, weil Zeiträume und Zählweisen verschieden sind:
| Quelle | Angabe |
|---|---|
| Deutsches Historisches Museum (ganze Luftschlacht) | Die Luftwaffe verlor 2.265 Maschinen, 867 weitere waren zu über zehn Prozent beschädigt. Knapp 2.000 Flieger fielen, etwa 2.600 galten als vermisst oder gerieten in Gefangenschaft. |
| Air & Space Forces Magazine | Deutsche Verluste insgesamt 1.887, davon 650 Bf 109 und 223 Bf 110. |
| World History Encyclopedia (britischer Zeitraum) | RAF 788, Luftwaffe 1.294 Flugzeuge, etwa im Verhältnis 6:10. |
| Wikipedia | Beim Fighter Command fielen bis Oktober 1940 544 Piloten. |
Fest steht: Der Verlust an Piloten wog für die Luftwaffe schwerer als der an Maschinen. Der Schwund durch Verwundung, Gefangenschaft und Tod war stets deutlich höher als bei der RAF. Gefallene deutsche Flieger kamen nicht zurück, abgeschossene britische Piloten, die über eigenem Gebiet absprangen, oft schon.
Warum verlor die Luftwaffe?
- Sie war für diese Aufgabe nicht ausgelegt: zu geringe Reichweite der Jäger, zu schwache Bomber.
- Die Briten hatten ein besser organisiertes Abwehrsystem mit Radar und Bodenführung.
- Die deutschen Ziele wechselten. Die Luftwaffe zersplitterte ihre Angriffe wochenlang auf die gesamte RAF, bevor sie sich auf das Fighter Command konzentrierte. Der Wechsel zu London nahm den Druck von den Flugplätzen.
- Die Luftwaffe überschätzte ihre Erfolge und unterschätzte die Reserven des Gegners.
VII. Was bleibt
Die Luftwaffe konnte die britische Luftverteidigung nicht ausschalten. Die Invasion fand nicht statt, und Hitler richtete seinen Blick auf die Sowjetunion. Großbritannien blieb unbesiegt und wurde später zum Aufmarschgebiet der Alliierten. Auf absehbare Zeit war das Bomber Command der RAF die einzige Waffe, mit der Churchill Deutschland treffen konnte. Wie sich der Luftkrieg danach entwickelte, steht auf der Seite Luftkrieg.
Quellen
- Wikipedia: Luftschlacht um England
- LeMO (Deutsches Historisches Museum): Die „Luftschlacht um England“ 1940/41
- Wikipedia (englisch): Battle of Britain
- Wikipedia (englisch): Battle of Britain Day
- Wikipedia (englisch): Hugh Dowding
- Imperial War Museum: What was the Dowding System?
- Imperial War Museum: The Blitz Around Britain
- Britannica: The Blitz
- HyperWar: The Battle of Britain – A German Perspective
- Air & Space Forces Magazine: How the Luftwaffe Lost the Battle of Britain
- World History Encyclopedia: Battle of Britain
- Spitfire Site: Adlertag, 13 August 1940
- History.co.uk: 6 deadliest raids from the Blitz
- Family Researcher: Coventry Air Raids – Operation Moonlight Sonata
- Migflug: The Few
- HistoryNet: The Forgotten Few (polnische Flieger)
- The National Interest: 303 Squadron
- Luftkrieg (diese Website)