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Coventry und Enigma: Hat Churchill die Stadt geopfert?

Es ist eine der zähesten Geschichten des Zweiten Weltkriegs. Churchill soll vorab gewusst haben, dass die Luftwaffe in der Nacht zum 15. November 1940 Coventry angreifen würde. Er soll die Stadt weder gewarnt noch evakuiert haben, damit die Deutschen nicht merken, dass die Briten ihren Funkverkehr mitlesen. Der Preis wären Hunderte Tote gewesen, der Gewinn ein Geheimnis namens Ultra. Die Frage ist alt, und sie ist unbequem. Hier geht es darum, was dafür spricht, was dagegen spricht und woher die Geschichte überhaupt stammt.

I. Die Nacht von Coventry

Der Angriff in der Nacht vom 14. zum 15. November 1940 trug den Decknamen „Mondscheinsonate“. Der Name verrät eine Bedingung: Die Bomber brauchten eine helle Mondnacht. Coventry war ein Zentrum der britischen Flugmotorenindustrie. Der Angriff gehört in die Phase des nächtlichen Bombenkrieges gegen England, den die Briten „Blitz“ nennen. Den Zusammenhang findest du auf der Seite Luftschlacht um England.

Die Zerstörung war schwer. Die Altstadt brannte, und die mittelalterliche Kathedrale wurde zerstört. Die Nationalsozialisten prägten danach das Wort „coventrieren“ für die völlige Zerstörung einer Stadt.

Die Zahlen schwanken je nach Quelle. Nach Angaben des Imperial War Museum starben 568 Menschen, auf der Seite Luftkrieg steht die Zahl 554. Bei den eingesetzten Bombern ist von 449 bis über 500 Maschinen die Rede. Eine andere Quelle hält bis zu 1.000 Tote für möglich, weil viele zugereiste Arbeiter nie erfasst wurden. Das ist ein Grund zur Vorsicht, wenn irgendwo eine ganz genaue Zahl steht.

II. Was Enigma und Ultra leisteten

Enigma war das Chiffriergerät, mit dem die deutsche Wehrmacht, darunter auch die Luftwaffe, ihre Funksprüche verschlüsselte. Der polnische Mathematiker Marian Rejewski war schon Anfang 1933 in den Code eingebrochen. Im Juli 1939 gaben die Polen ihr Wissen bei einem Geheimtreffen an Franzosen und Briten weiter. Seit Januar 1940 las man in Bletchley Park nordwestlich von London einen großen Teil des deutschen Funkverkehrs mit, nur der Marinefunk blieb zunächst widerständig. Die Briten nannten das Ergebnis „Ultra“. Mehr dazu steht auf der Seite Luftkrieg.

Wichtig ist: Ultra lieferte Bruchstücke, keinen Live-Blick in die deutsche Führung. Sie mussten gedeutet werden, und sie waren nicht immer eindeutig. An diesem Punkt entscheidet sich die Coventry-Frage.

III. Die Legende und ihr Ursprung

Erst 1974 erschien das Buch „The Ultra Secret“ von Group Captain F. W. Winterbotham. Er hatte im Krieg die „Special Liaison Officers“ geleitet, die Ultra-Material an die Befehlshaber lieferten. Er behauptete, die Regierung sei durch Ultra vorab über den Angriff gewarnt gewesen. Churchill habe angeordnet, keine Schutzmaßnahmen für Coventry zu ergreifen, damit die Deutschen nicht merkten, dass ihre Verschlüsselung geknackt war.

Die Geschichte wurde populär. Sie hat einen großen Namen im Zentrum, und sie wirft eine echte moralische Frage auf. Es gibt sogar ein Theaterstück darüber: „One Night in November“ von Alan Pollock. Es erzählt von einem Mitarbeiter in Bletchley Park, der zwischen Wahrheit und Schweigen steht.

IV. Was die Quellen sagen

Die Geschichtsforschung sieht Winterbothams Darstellung überwiegend kritisch. Die wichtigsten Einwände:

  • Die Dokumente stützen die Geschichte nicht. Nach Angaben von Norman Evans vom britischen Public Records Office kündigten die entschlüsselten Funksprüche der Tage vor dem 14. November zwar einen großen Angriff auf eine englische Stadt an. Coventry wurde darin aber nie genannt. Das Ziel vermutete man eher im Süden.
  • Winterbotham schrieb aus der Erinnerung. Ein von der Zeitung befragter Historiker sagte, das Buch sei dabei nicht besonders genau. Dass man gewusst habe, es gehe um Coventry, sei durch die Akten nicht belegt.
  • Es gab eine Warnung, aber ohne Zielort. Am Nachmittag des 14. November fuhr Churchill nach Ditchley, wo er bei Mondschein statt in Chequers übernachtete. Unterwegs öffnete er seine Ultra-Box und erfuhr, dass der bisher schwerste Angriff bevorstand. Das Ziel war aber noch offen.
  • Der Zielort wurde offenbar anders erkannt. Nach der Darstellung von John Colville, der Churchill nahestand, kam die Information über den Ort nicht aus Ultra. Man habe das Ziel erst erkannt, als sich die deutschen Funkleitstrahlen über Coventry kreuzten. Dazu passt, was auf der Seite Luftkrieg zum Knickebein-Verfahren steht: Die Bomber fliegen auf einem Leitstrahl, und ein zweiter Strahl zeigt ihnen das Ziel an.

Der Historiker Frederick Taylor hat der Nacht ein ganzes Buch gewidmet („Coventry: Thursday 14 November 1940“) und das Gerücht darin geprüft. Seine Meinung: Die britische Regierung konnte vorher nicht wissen, dass Coventry getroffen werden würde.

V. Ein Wort zur Fassung auf dieser Website

Auf der Seite Luftkrieg steht die Winterbotham-Version als Erzählung: Bletchley Park habe um 15 Uhr einen Funkspruch entschlüsselt, Churchill habe die Evakuierung abgelehnt. Dort steht auch der Hinweis, dass der heutige Forschungsstand das bezweifelt und dass die Geschichte als Gedankenspiel erwähnt wird. Das ist die richtige Einordnung. Dieser Beitrag vertieft sie: Es war ein Gedankenspiel, kein belegter Vorgang.

VI. Warum die Geschichte trotzdem trägt

  • Sie ist einfach. Ein Mann, ein Geheimnis, eine Stadt, eine Entscheidung.
  • Sie ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Die Briten lasen tatsächlich mit, und sie hatten allen Grund, Ultra zu schützen. Auch ein großer Angriff kündigte sich tatsächlich an.
  • Sie wirkt erklärend. Wer glaubt, dass „die da oben“ alles wussten, muss sich nicht mit der Unordnung der Wirklichkeit abfinden: mit Lücken, Irrtümern, falschen Deutungen.

Die Frage dahinter bleibt echt: Darf man ein Geheimnis höher stellen als Menschenleben, wenn davon vielleicht der Ausgang eines Krieges abhängt? Das ist eine Frage für ein Seminar oder eine Kolumne. Für Coventry im November 1940 muss man sie nach heutigem Wissensstand nicht beantworten.

VII. Fazit

Die Geschichte vom „geopferten“ Coventry geht im Kern auf ein Buch von 1974 zurück, das aus der Erinnerung geschrieben wurde. Die erhaltenen Akten stützen sie nicht. Sie zeigen eine britische Führung, die einen schweren Angriff erwartete, aber nicht wusste, wohin er gehen würde. Das ist weniger spektakulär, aber näher an dem, was Geheimdienstarbeit tatsächlich ist: ein Puzzle, bei dem die entscheidenden Teile oft fehlen.

Quellen